Vielleicht hast du schon einmal vom Sport „Adventure Racing“ gehört? Nein?

Würdest Du raten, dann denkst Du an einen Outdoor-Run, irgendwo in der Natur, vielleicht in den Bergen oder am Meer…oder an einem Fluss? Nicht schlecht.

„Adventure Racing“ ist allerdings viel mehr als „nur“ ein Run. Bei dieser Form des Sports wird Trailrunning, Mountainbiken und Kajaken verbunden – noch dazu kommen Navigation und Abseilen zum Einsatz.  Je nach Format können die Rennen ein paar Stunden, aber auch mehrere Tage dauern. Die Teilnehmer müssen dabei ordentlich schleppen. Von ihrer Verpflegung, über ihren Biwak, bis hin zur Bekleidung – alles wird selbst ins Ziel getragen.

Ryan ist der vermutlich erfahrenste und erfolgreichste Adventure Racer Asiens. Adventure Racing ist sein Leben; seine Existenz. Es liegt auf der Hand, dass diese Sportart etwas Anziehendes, Packendes und Anspruchsvolles für den Racer bedeutet.

Ein Pionier in Asien

Ryan mag so etwas wie ein Vorreiter und Idol der asiatischen Outdoorsportszene sein, tatsächlich wurde er aber an der Westküste der Vereinigten Staaten geboren. Während seines Studiums verbrachte er ein Jahr in Hong Kong und bereiste China und Vietnam, während er Internationale Wirtschaft an der Universität von Hong Kong studierte. Nachdem er in die USA zurückgekehrt war und seinen Abschluss an der Santa Clara University in Kalifornien absolvierte, flog er nur wenige Tage später wieder zurück nach Hong Kong.

„Ich wollte noch viel mehr von Asien sehen. Hong Kong mit seinen Bergen und dem Meer war der ideale Ausgangspunkt dafür. Natur und Stadt liegen hier so nah beieinander. Nachdem ich für 2 Jahre bereits in Hong Kong gelebt hatte, ging ich 3 Jahre später wieder zurück und dann direkt für ein Jahr in den Himalaja nach Nordindien und Nepal.

Als ich danach wieder in Hong Kong war und bereits ein paar Musik- und Sportveranstaltungen organisiert hatte, tat ich mich mit einigen neuen Partnern zusammen und organisierte das erste Adventure Race in Hong Kong und später die erste Internationale Adventure Race Serie Asiens.“

Damals gab es noch keine derartigen Events in Hong Kong. 1995 war Ryan zum ersten Mal bei einem Adventure Race in den USA angetreten. „Ich war sofort süchtig und dachte mir: ‚Das ist genau das, was Du machen willst.’“

Also haben wir 1998 das erste Adventure Race in Hong Kong auf die Beine gestellt, die ‚Action Asia Challenge’. National Geographic wurde Medienpartner, und ab da ging es auf regionaler Ebene richtig schnell nach vorne. Meine Rolle als Renndirektor wurde bald zu der des Geschäftsführers. Wir brachten die Rennen nach Thailand, Malaysia und Taiwan und machten daraus eine Serie. Zusätzlich starteten wir noch eine Charity, die unterprivilegierten Jugendlichen hilft und für die bei unseren Rennen Geld gesammelt wird. Adventure Racing wurde zu meinem Leben.“

Später gründete Ryan mit einem anderen Partner mehrere Outdoorfirmen unter dem Dach der APA Group, die sich mit Outdoortraining, Teambuilding für Firmen, Abenteuerfilmproduktionen, Sportlermanagement und vielen anderen Dingen befasst.

Dabei ist in den meisten Fällen Adventure Racing der gemeinsame Nenner bei Veranstaltungen und Programmen. Das Athletenteam von APA – das The North Face Adventure Team – wurde schnell zum besten Adventure Sports Team der gesamten Region und konzentrierte sich sportlich auf Adventure Race Events.

In der Welt des Outdoor Sports gibt es einige Beispiele von Spitzenleuten, die selbst als Athleten viel erreicht haben und dann auf die andere Seite wechselten, um bei der Entwicklung des Sports zu helfen. Bei Ryan war es genau umgekehrt.

Obwohl er als Athlet am Ende zahlreiche Titel gewinnen konnte, begann seine Karriere tatsächlich als Event-Organisator. Er ist ein Pionier des Abenteuersports in Asien und darf auf eine spannende Erfolgsgeschichte zurückblicken.

Die Faszination des Adventure Racing

Die Expedition Adventure Races – in Japan extrem beliebt – führen nonstop, für mehrere Tage durch die freie Natur. Es gibt nebenan aber auch viele andere Varianten. Zum Beispiel Etappenrennen, bei denen an jedem Wettkampftag ein bestimmtes Ziel erreicht werden muss und die Athleten in Hotels übernachten.

Dann gibt es Eintagesrennen, die in der Regel auf 24 Stunden Renndauer begrenzt sind, sowie kürzere Events, bei denen alles innerhalb weniger Stunden vorbei ist. Egal wie ein Rennen aufgebaut ist, der Schwierigkeitsgrad liegt auf jeden Fall weit jenseits des alltäglichen Stadtlebens. Die Sportler geben alles für diesen Sport – Doch warum?

Adventure Racing definiert sich durch die Vielfalt an Disziplinen, die dazu genutzt werden, um sich durch die Natur fortzubewegen und sich gegenseitig zu messen. Beim Trekking muss man oft auch navigieren können, dazu kommen Trailrunning, Mountainbiken, Raften, Kajaken und so weiter. Die unterschiedlichen Anforderungen machen den Sport so interessant. Selbst innerhalb einer einzigen Disziplin wird von den Teilnehmern oft so viel unterschiedliches erwartet.

Nehmt nur mal das Kajaken – da gibt es viele unterschiedliche Bootstypen, die alle ein bestimmtes Können voraussetzen. Je nachdem ob Meer, Fluss, Wildwasser, See – es ist jedes Mal anders.“

Auf keinen Fall werden motorisierte Fortbewegungsmittel eingesetzt; man muss sich mit eigener Kraft oder der seines Teams in der Natur zurechtfinden und vorankommen. Rennen finden meist in der Wildnis statt – Regionen oder Orte, an die man im normalen Leben niemals kommen würde. Einer der letzten Austragungsorte waren zum Beispiel das Wulong Gebirge in China.

Team-Ausdauersportarten haben eine sehr eigene Dynamik,“ verrät Ryan. „Die Teams bestehen aus zwei bis vier Teilnehmern und man ist nur so schnell wie das schwächste Glied. Auf dem höchsten Level sieht man daher viele interessante Teamstrategien, bei denen sich die Teilnehmer gegenseitig helfen. Gerade bei den längeren, mehrtägigen Expeditionsrennen ist es beeindruckend zu sehen, wie viel mehr ein starkes Team im Vergleich zu einem starken Einzelkämpfer erreichen kann. Wenn ein Rennen über mehrere Tage geht, dann hat jeder Einzelne seine Hochs und Tiefs. Gute Teamarbeit und intelligente Rennstrategien können dann im Fall, dass ein oder zwei Mitstreiter Schwächen zeigen, das Teamergebnis am Ende noch retten. 1+1 ist hier eben nicht immer gleich 2.“

Die Wahl der Übernachtungsorte, Wettkampfszeiten und  der Sportausrüstung kann auch über Sieg oder Niederlage bei den Expedition Adventure Races entscheiden. Die stärksten Teams schlafen im Durchschnitt nicht länger als zwei oder drei Stunden pro Tag.

Schwierigkeiten sind unumgänglich und nicht von der Art, auf die man sich im Training vorbereiten kann. Es ist wichtig, dass man sich den Problemen dann stellt, wenn sie auftauchen. Sich über andere Teilnehmer zu ärgern, macht keinen Sinn. „Man muss immer daran denken, dass man sich gegenseitig unterstützt, um weiterzukommen und eine positive Einstellung zu behalten“, so Ryan. „Die Rennen können aufgrund hoher Geschwindigkeit, schlechtem Wetter oder Schlafmangels sehr schwierig sein, aber es gibt auch genügend Momente, die man genießt. Ich liebe es, neue Regionen unserer Erde zu erkunden, und das Gefühl der Befriedigung und des Stolzes über ein beendetes Rennen hält ewig an. Ich hoffe auch, dass diese Veranstaltungen und Rennen in der Widnis mehr Interesse an Outdoor-Regionen bewirken oder wenigstens den Einheimischen einen neuen Anreiz bieten, sich besser um den Erhalt ihrer wunderbaren Natur zu kümmern.“

Die Erfahrungen, die Ryan beim Adventure Racing macht, lässt er durch seine Firma auch in die Arbeit mit Kindern einfließen. APA bietet regelmäßig Kajak-, Kletter- und andere Outdoor Sportkurse an, und viele dieser Programme für Jugendliche enden in einem spielerischen und doch herausfordernden Adventure Race.

„Durch das Adventure Racing kann man so viel über das Leben lernen: Wie man mit Menschen gut zusammenarbeitet, wie man sein eigenes Potential im Team entfaltet, wie man Verantwortung teilt oder wie man die unterschiedlichen Stärken der Teilnehmer nutzt, um das beste Ergebnis zu erzielen.“

Teammitglieder aus ganz Asien – und der Welt

Um ein Adventure Race richtig anzugehen, sind die Teamkameraden essentiell. Das The North Face Adventure Team – mit Ryan als Teamchef – wurde 2006 gegründet.

Die festen Mitglieder unseres Teams kommen aus oder leben im asiatisch-pazifischen Raum: Philippinen, Thailand, Malaysia, Hong Kong und sogar Australien. Als wir anfingen, lag die asiatische Adventure Racing- und Ultratrailrunningszene um ein vieles hinter der europäischen oder amerikanischen zurück. Ich wollte das ändern und asiatischen Athleten dabei helfen, Sponsoren und andere Unterstützung zu finden, damit es ihnen und unserem Team möglich war, weltweit an Rennen teilzunehmen. Was mich am meisten berührt, ist zu sehen, dass die Mitglieder durch das Team nicht nur Chancen bei Rennen erhalten, sondern auch im Leben.“

In jüngster Vergangenheit hatte das Team sogar Gastmitglieder aus Brasilien und Südafrika. „Es ist schon interessant, dass wir bereits Leute von fünf unterschiedlichen Kontinenten im Team hatten“, sagt Ryan. „Ich denke, wir entwickeln uns jetzt langsam immer mehr zu einem globalen Team.“

Noch einmal zur Weltmeisterschaft

20 Jahre nach der ersten ‚Action Asia Challenge’ kann Ryan behaupten, an der Entwicklung des Adventure Sports in Asien hin zu einem anerkannten Sport maßgeblich beteiligt gewesen zu sein.

Adventure Racing ist seither stetig gewachsen. Was Berichterstattung und Standards angeht, gibt es immer mehr Veranstaltungen in asiatischen Nachbarländern wie Thailand oder Malaysia. In China werden jedes Jahr vier bis fünf Rennen abgehalten, bei denen die höchsten Preisgelder weltweit ausgeschüttet werden. „Man kann sicherlich sagen, dass sich der Sport in den letzten Jahren in Asien stärker als im Rest der Adventure Racing-Welt entwickelt hat“, bemerkt Ryan stolz. „Da nun Ultra- und Parcoursrennen weltweit immer mehr an Beliebtheit gewinnen, bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen dies auf das Adventure Racing haben wird. Ich hoffe, dass es weiter wächst und viele dieser Sportler Adventure Racing als nächste Stufe in ihrer eigenen sportlichen Entwicklung sehen.“

„Aufgrund meines Alters weiß ich nicht, wie lange ich noch ganz vorne im Wettkampfgeschehen mitmischen kann. Aber auch mit 45 Jahren bin ich noch extrem motiviert, vor allem, da ich letztes Jahr das gelbe Trikot beim Wu Long Outdoor Quest geholt und es sogar einen Tag aufs Podium geschafft habe. Und ich frage mich, was noch alles möglich sein wird. Vielleicht noch ein paar der größeren Etappenrennen und ein weiteres Weltmeisterschafts-Expeditionsrennen.

Aber am wichtigsten ist, einfach nur in Bewegung zu bleiben. Ein guter Freund von mir sagt immer: ‚Use it or Loose it’ – so in etwa ‚Benutze deine Muskeln oder sie verkümmern’ – und damit hat er recht. Er ist 86 Jahre alt, bricht immer noch Altersklassenrekorde beim Triathlon und ist der älteste Finisher beim IRONMAN auf Hawaii. Also denke ich, dass ich auf ihn hören kann!“

 

Profil

Ryan S. Blair

Ryan stammt von der amerikanischen Westküste und zog 1992 nach Hong Kong. Er organisierte 1998 Hong Kongs erstes Adventure Race und 2000 die erste asiatische Veranstaltungsserie. 2002 gründete er die Firma Asia Pacific Adventure, für die er heute als Geschäftsführer arbeitet. Er managt außerdem die APA Group. Darüber hinaus ist er der Teamchef des an Weltklasserennen teilnehmenden The North Face Adventure Teams. Als passionierter Athlet gewann er bereits selber viele Titel.